Märkte blenden Geopolitik weiterhin aus

Der Jahresauftakt signalisiert hohen Anlagebedarf bei Investoren und Nachfrage nach Duration, insbesondere am ultra‑langen Ende der Kurve. Das konstruktive Umfeld am EUR-Zinsmarkt sollte damit zunächst weiter anhalten. Anleger sollten jedoch die „weichgewaschenen“ Konsensprognosen nicht überbewerten gerade auch angesichts der überlagernden geopolitischen Risiken. Selektive Durationverlängerung am langen Ende kann Value bieten.

Der Jahresstart 2026 verlief über die verschiedenen Assetklassen hinweg erfolgreich, trotz der die Schlagzeilen dominierenden Geopolitik: Aktien legten zu und der DAX übersprang erstmals die Marke von 25.000, der S&P 500 schloss ebenfalls auf einem Rekordhoch, Credit‑Spreads engten sich weiter ein, und bei rückläufiger Inflation in der Eurozone durchlief die EUR‑Swapkurve eine bullische Verflachung und die bereits Ende 2025 niedrige gehandelte Cross‑Market‑Volatilität gab weiter leicht nach.

Besonders auffällig sind die Renditerückgänge am ultra‑langen Ende der EUR-Swapkurve (30J −7 Bp, 50J −10 Bp). Offensichtlich fielen die Durationsanpassungen niederländischer Pensionskassen, zumindest in der ersten Januarwoche, geringer aus als zuvor antizipiert. Marktteilnehmer, die sich auf eine Versteilung der Swapkurve im hinteren Kurvenbereich positioniert hatten, wurden auf dem falschen Fuß erwischt und mussten Shorts eindecken. Entsprechend outperformten Swaps gegenüber Bunds um 2 Bp im 10‑Jahres‑Segment und um 6 Bp beim Buxl‑Spread (Vergleichszeitpunkt: 30.12.2025).

Am Kassamarkt wurde die Neuemissionswelle bei SSA‑ und Covered‑Bonds trotz langer Duration sehr gut absorbiert. Die Orderbücher erreichten neue (inflationierte) Dimensionen; Dass Einiges der Nachfrage aber real ist zeigte die Verteuerung von SSA‑Anleihen und Covered Bonds gegenüber Swaps im Sekundärmarkt. Der Trend aus den letzten Monaten 2025 setzte sich damit fort. Auch Unternehmensanleihen und Financials zeigten ein freundliches Bild am Primär‑ und Sekundärmarkt; der iTraxx Europe notiert mit 50 Bp auf dem niedrigsten Niveau seit Ende 2021, als die EZB mit ihren Käufen Risikoprämien künstlich drückte und auf ultra-niedrigen Niveaus verankerte.

Wie geht es weiter?

Die überbordende Nachfrage am EUR‑Primärmarkt, insbesondere bei langer Duration, deutet nach der deutlichen Kurvenversteilung 2025 auf eine Untergewichtung institutioneller Anleger bei Laufzeiten ab 10 Jahren hin. Zusammen mit hohen Liquiditätszuflüssen bei institutionellen Investoren (vor allem Versicherungen) zum Jahresanfang spricht dies für ein Anhalten des konstruktiven Stimmungsbilds im Solva‑0‑ und Covered‑Bond‑Segment, auch wenn die Übertreibungen der ersten Januarwoche abebben sollten. Auch die Angebotsseite stützt diese Einschätzung, vor allem jenseits von 10 Jahren: Zwar dürften die Bruttoemissionen im Solva‑0‑Bereich insgesamt weiter zunehmen, die gewichtete Restlaufzeit der Emissionen dürfte jedoch zurückgehen. Nach der Kurvenversteilung zwischen 10 und 30 Jahren ist zu erwarten, dass das Angebot an Neuemissionen jenseits von 20 Jahren abnimmt; bei absolut und relativ zu Swaps attraktiven Renditen dürfte dieses Kurvensegment gefragt bleiben, was zu einer Verflachung des langen Endes führen kann. Eine klare Verflachung der EUR‑Zinskurve im Bereich 2–10 Jahre halten wir angesichts des in den kommenden Wochen und Monaten zu erwartenden hohen Supply, vor allem bei Staatsanleihen, für unwahrscheinlich; hier erwarten wir eher eine Seitwärtsbewegung.

Risiken, die die aktuell sehr niedrige Cross-Market Volatilität "durchschütteln" könnten:

  • "Konsens‑Risiko": Die Konsensprognosen für 2026 zu Weltwirtschaft, Renditen, Spreads und Aktien spiegeln weitgehend die Erwartung einer Fortsetzung der niedrigen gehandelten Cross‑Market‑Volatilität wider. Ob die Weltwirtschaft jedoch längerfristig so immun gegen Handelskonflikte und geopolitische Umbrüche ist, wie 2025 den Anschein machte, ist fraglich. Das Beispiel Brexit zeigt, dass die Folgen wirtschaftlicher und politischer Strukturbrüche häufig erst mit erheblicher Verzögerung sichtbar werden. Die Konsequenzen eines schwächeren US‑Wachstums bei gleichzeitig erhöhter Kerninflation sollten bei der Portfoliosteuerung für Zins‑ und Credit‑Risiken nicht außer Acht gelassen werden.
  • US-Geldpolitik: Die Ernennung des neuen Fed‑Chairman ist von hoher Bedeutung für die globalen Märkte. Selbst wenn Trumps extreme Forderungen nach einem Zins von 1 % nicht wörtlich zu nehmen sind, könnten Sorgen vor einer politisierten Fed die Risikoprämien am langen Ende der USD‑Kurve steigen lassen; ein schwächerer USD und schnell steigende Edelmetallpreise wären mögliche Folgen. Die EUR‑Kurve würde sich hiervon kaum abkoppeln.
  • Geopolitik I: Militärische Interventionen und aggressive außenpolitische Rhetorik (Beispiele: Venezuela, Drohungen gegenüber Dänemark) zeigen, dass geopolitische Risiken zunehmen. Die EU steht vor der Wahl, sich zu spalten oder sich – mit allen Konsequenzen – enger zusammenzuschließen.
  • Geopolitik II: Die neue Sicherheitsdoktrin der USA schafft Handlungsspielräume für China und Russland in ihren jeweiligen Einflusszonen. Neben der Ukraine ist vor allem Taiwan relevant: Eine militärische Intervention würde zu massiven Störungen in der Chip‑Supply‑Kette mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen für die EU und den Westen insgesamt führen (Wachstum runter, Inflation hoch).

EUR-Govie-Spreads 10J vs. Bunds

EUR-Govie-Spreads 10J vs. Bunds
Chart der Woche

Die Erosion der Safe‑Haven‑Prämie von Bunds setzt sich fort

Die Spreadkompression von Euroland‑Staatsanleihen gegenüber Bunds hält an. Ausschlaggebend für diese Entwicklung, die in den letzten zwei Jahren – mit Ausnahme französischer OATs und belgischer OLOs – relativ stetig verlief, ist die Erosion der Safe‑Haven‑Prämie deutscher Bundesanleihen. Insbesondere die Einführung des Next Generation Fund der EU und die damit verbundene gemeinschaftliche Schuldenaufnahme haben die Wahrnehmung von Bunds verändert. Eine Auflösung der Währungsunion wird zunehmend als unrealistisch angesehen; entsprechend hoch ist inzwischen die Korrelation zwischen 10‑jähriger Bund‑ und BTP‑Rendite. Während diese Korrelation bis Ende 2020 immer wieder negativ war, liegt sie seit 2022 konstant zwischen 0,70 und 0,90. Das Beta der BTP‑Rendite gegenüber Änderungen der Bundrendite beträgt auf Wochenbasis 0,955. Bunds und BTPs bewegen sich damit recht symmetrisch; eine Long‑Position in Bunds bietet im Portfoliokontext kaum Diversifikationsvorteile für das Gesamtrisiko. Zugleich überwiegt bei Bunds der Nachteil des negativen Carrys. Sollte sich die geopolitische Dynamik im Verhältnis USA–EU verschärfen oder Zweifel am Bestand der NATO zunehmen, könnte dies zu einem noch engeren europäischen Zusammenrücken führen – was das Abschmelzen der Safe‑Haven‑Prämie deutscher Anleihen weiter beschleunigen würde.

Technische Treiber der Spreadkompression

Die Spreadkompression wird zusätzlich durch Asymmetrien bei Neuemissionen befeuert. Mit dem Ende der „schwarzen Null“ und der Aussetzung der Schuldenbremse im Frühjahr 2025 stieg die Nettoneuemissionstätigkeit in Deutschland sprunghaft an, während sie in anderen Jurisdiktionen gleichbleibt oder zurückgeht. Dieses technische Ungleichgewicht ist ein starkes Argument für weiter engere Spreads in 2026.

Ratingtrends als struktureller Faktor

Nicht zuletzt stützen auch die Trends bei den Kreditratings die Spreadkonvergenz. Peripherieländer nähern sich im Rating dem Semi‑Kern (etwa Belgien, Frankreich) an. Gleichzeitig erhöht der schnelle Anstieg der Staatsverschuldung in Deutschland mittel- und längerfristig 3-5 Jahre) das Risiko des Verlusts des deutschen Aaa‑Ratings. Diese Rating‑Dynamik trägt ebenfalls zur Reduktion von Risikoaufschlägen innerhalb der Eurozone bei.


Fazit: Deutsche Investoren mit einem hohen Home-Bias werden, auch wenn sie vor allem im Segment von deutschen SSA-Anleihen aktiv sind (deutsche Länder, Förderbanken) von der erwarteten Underperformance von Bunds betroffen sein. Eine Diversifikation des Anlageuniversums über die Ländergrenzen ist in diesem Umfeld anzuraten. Spreadvolatilität, die vom möglichen Misstrauensvotum (14. Januar) gegen die französische Minderheitsregierung unter Ministerpräsident Lecornu ausgeht würden wir eher als Kaufgelegenheit wahrnehmen.  

Eingepreiste Veränderung Leitzinsen

Eingepreiste Veränderung Leitzinsen

Divergierende Leitzinspfade der wichtigen Zentralbanken deuten auf Zunahme der FX-Volatilität hin. Allerdings wird BoJ als "behind the curve" gesehen was neben JPY-Schwäche auch in steiler JGB-Kurve resultiert. Letzteres bleibt ein Faktor, der auch die USD- und EUR-Kurve beeinflusst.

Erwartete Veränderung EZB Einlagensatz

Erwartete Veränderung EZB Einlagensatz

Der "Schnabel-Hike" von Anfang Dezember wird nach den schwachen Euroland Inflationszahlen für Dezember wieder ausgepreist. Die am Markt für 2026 eingepreiste geringe Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung der EZB erscheint uns zu niedrig!

EUR-Swap (6m)

EUR-Swap (6m)

Kurvenverflachung ist "Pain-Trade" angesichts der bisher fehlenden Durationsreduzierung (Schließen von ultra-langen Receivern) der niederländischen Pensionskassen und bestehender Steepener-Positionen.

Komponenten der EUR-Swapkurve: Veränderung zum 30.12.25

Komponenten der EUR-Swapkurve: Delta vs. 30.12.

Verflachung der EUR-Swapkurve wird von Rückgang der Realrenditen getrieben, was gleichbedeutend mit Rückgang der zuvor eingepreisten Risikoprämien aufgrund antizipierter Flows der niederländischen Pensionskassen ist.

Kurvenspread EUR-Swap (6m)

Kurvenspread EUR-Swap (6m)

Die Kurvenversteilung zwischen 10 und 30 Jahren wird zurückgedreht, auch 30/50 Jahre verflacht sich; ist ein Pain-Trade aufgrund der bisher noch fehlenden Aktivität aus den Niederlanden.

Bund-Swap Spread

Bund-Swap Spread

Ohne Flows von den niederländischen Pensionskassen underperformen Bunds gegen Swaps; vor allem im 30-jährigen Segment ist die Bewegung stark technisch getrieben.

Marktdaten: Zinsen & Spreads

Stand 09.01.2026
Δ vs. 30.12.2025
Zinsen
Δ
2y5y10y30y 2s10s10s30s
IRS 2.25-3.9 2.54-4.9 2.88-5.3 3.18-6.3 64-1.4 30-1.0
i-Spread (bps)
Δ
2y5y10y30y 2s10s10s30s
GER GOV -130.9 -100.8 -23.3 296.0 112.4 312.7
FRA GOV 1-1.7 270.4 651.6 1266.2 643.3 614.6
ITA GOV 03.1 26-0.3 610.1 1161.4 61-2.9 551.2
i-Spread (bps)
Δ
2y5y10y30y
KfW -3-0.2 5-2.0 170.1
EU -4-0.1 60.7 291.8 873.7
Land NRW 10.2 17-2.5 33-3.7 58-9.4
GER Pfandbrief (AAA) 40.9 140.2 29-1.6

Marktdaten: Swaption Vols

Stand 09.01.2026
Δ vs. 30.12.2025
N-Vol (bps)
Δ
IRS-Tenor
1y2y5y10y30y
Maturity 1m 22.20.4 33.00.2 44.0-5.4 46.2-10.1 50.7-8.9
3m 23.6-1.9 34.6-2.9 46.2-5.5 48.8-9.3 53.0-8.7
6m 29.8-2.1 40.2-3.6 48.9-4.4 53.7-5.3 56.2-5.9
1y 41.2-3.4 48.1-3.1 52.3-3.8 55.0-4.8 56.8-5.7
2y 52.8-3.5 54.6-4.2 56.7-4.5 58.1-4.1 58.6-5.0
5y 63.3-4.2 63.8-4.2 63.3-3.3 63.3-2.1 60.7-2.6
10y 66.3-3.2 66.8-3.0 65.0-2.3 63.4-1.3 58.7-2.1

10J Swap vs. Standardabweichung

10J Swap vs. Standardabweichung

Der Graph zeigt den 10jährigen Swapsatz im Vergleich zu seiner (zeitabhängigen) Standardabweichung. Im betrachteten Zeitraum verlässt der Swapsatz den σ-Kegel nach oben, was einen im Vergleich zur Markterwartung relativ starken Anstieg impliziert.

Abaki Fixed Income Convexity

Rückblick

Der Abaki Fixed Income Convexity erreichte zum 9. Januar 2026 einen neuen Höchstand und setzt damit die erfreuliche Performance von 2025 fort.

Positionierung

Wir haben unsere Position in ultra-langen Anleihen zum Jahresende nochmals erhöht. Den Proxysteepener gegen das lange Ende haben wir weit nach vorne gezogen bzw. netto reduziert. Unser Gamma-Profil ist aktuell flat (Verkauf der Bondkonvexität 1:1). Aufgrund der möglichen Auswirkungen der geopolitischen Verwerfungen sind wir long Tail „fallende Zinsen“, welcher uns billig erscheint.

Ausblick

Aktuelle Vol-Niveaus erscheinen uns niedrig und lohnen kaum short zu sein. Renditen nahe 4% am langen Ende (SSAs) sehen wir weiterhin als starke Unterstützung, da Erwartungen zum Durationsabbau der niederländischen Pensionsfonds stark herabgesetzt wurden und aufgrund des zukünftig geringen Angebots im 30y+ Segment Stücke rar werden. In diesem Sinne sehen wir eine Fortsetzung des starken Jahresstarts.

ICM