Das Trilemma der EZB – keine Zeit für starke Views im Portfolio
Die Europäische Zentralbank (EZB) befindet sich derzeit in einem geldpolitischen Trilemma. Der Kern liegt in der Natur des aktuellen Inflationsschocks: Da die Teuerung primär durch angebotsseitige Faktoren – namentlich die Energiepreise infolge der Spannungen am Persischen Golf – getrieben wird, agiert die EZB mit einem stumpfen Schwert. Zinserhöhungen können zwar die Wirtschaft dämpfen, sie fördern jedoch kein einziges zusätzliches Barrel Öl zutage.
Die Europäische Zentralbank (EZB) befindet sich derzeit in einem geldpolitischen Trilemma. Der Kern liegt in der Natur des aktuellen Inflationsschocks: Da die Teuerung primär durch angebotsseitige Faktoren – namentlich die Energiepreise infolge der Spannungen am Persischen Golf – getrieben wird, agiert die EZB mit einem stumpfen Schwert. Zinserhöhungen können zwar die Wirtschaft dämpfen, sie fördern jedoch kein einziges zusätzliches Barrel Öl zutage. Der Einfluss auf den Ölpreis ist vernachlässigbar. Zudem wirkt Geldpolitik nur mit Zeitverzögerung.
1. Das "Wachstumsopfer"
Steigende Ölpreise wirken wie eine zusätzliche Steuer auf Konsumenten und Industrie gleichermaßen. Wenn die EZB in dieses Umfeld hinein die Zinsen kräftig anhebt, riskiert sie eine prozyklische Verschärfung des Abschwungs – obwohl die eigentliche Ursache des Inflationsschubs außerhalb ihres Einflussbereichs liegt. Je stärker die Zinsen steigen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Eurozone nicht nur stagniert, sondern in eine ausgewachsene Rezession rutscht. Das „Wachstumsopfer", das für eine wirksame Inflationsbekämpfung erbracht werden müsste, wäre politisch und gesellschaftlich kaum vermittelbar – zumal in Ländern, deren Industrie besonders energieintensiv und damit besonders exponiert ist.
2. Das Problem der Zeitverzögerung
Zinserhöhungen entfalten erst mit einer Verzögerung von 12 bis 18 Monaten ihre volle Wirkung. Wenn die EZB jetzt deutlich erhöht, trifft dies die Wirtschaft möglicherweise genau dann am härtesten, wenn der Ölpreisschock bereits abklingt. Dieses Risiko eines „Policy Errors“ durch Zuspätkommen oder Überreagieren ist derzeit so hoch wie selten zuvor.
3. Das Stabilitätsproblem (Fragmentierungsrisiko Eurozone)
Ein spezifisch europäisches Problem bleibt die fiskalische Heterogenität der Mitgliedstaaten. Höhere Zinsen belasten hochverschuldete Länder überproportional – ein struktureller Konstruktionsfehler der Währungsunion, der in Stressphasen immer wieder zutage tritt. Sobald die Märkte beginnen, an der Schuldentragfähigkeit einzelner Mitgliedstaaten zu zweifeln, drohen die Spreads (Renditedifferenzen) zwischen Kern- und Peripherieländern unkontrolliert auseinanderzulaufen. Der Einsatz des TPI (Transmission Protection Instrument) dürfte dann zumindest diskutiert werden – was freilich die Sorge vor einer fiskalischen Dominanz über die Geldpolitik nähren würde.
Die Einschätzung von Zins²
Die aktuelle Situation ist mit Blick auf Direktionalität und Kurve äußerst komplex und es ist nicht die Zeit, starke Meinungen im Portfolio umzusetzen. Wir haben den Eindruck, dass die EZB mit ihren hawkishen Kommentaren zunächst Zeit kaufen will – in der Hoffnung auf eine diplomatische Entspannung im Konflikt um den Iran, die ihr das eigentliche geldpolitische Handeln ersparen würde. Die Hürde für schnelle Zinsanhebungen sehen wir weiterhin als hoch an. Allerdings: Eine EZB, die „nur bellt, aber nicht beißt", verliert mittelfristig an Glaubwürdigkeit, und das Risiko von Zweitrundeneffekten – z. B. einer Lohn-Preis-Spirale – nähme dann zu. Ausgehend vom aktuell neutralen Zinsniveau von 2,00% halten wir 1–2 Zinsschritte à 25 Bp ab Juni für möglich. Dies entspricht in etwa den aktuellen Estr-Forwards. Eine Wiederholung der aggressiven Straffungsphase von 2022/2023 schließen wir hingegen aus – sie wäre realpolitisch kaum durchzuhalten und würde die beschriebenen Fragmentierungsrisiken in gefährlicher Weise verschärfen. Bei den ersten echt schwachen konjunkturellen Daten erwarten wir, dass sich die Tauben im EZB-Rat vermehrt äußern werden und die Stimmen der Falken leiser werden.
|
Weitere Artikel und Live Feed mit Marktkommentaren auf zins2.de |
|
Zins² by ICM InvestmentBank AG
Tel.: +49 (0) 30 887 106 0 |
|

