Re-Pricing ist brutal – wo gibt es Chancen?

Wir von Zins² haben keine Glaskugel für den Ausgang oder die Dauer der Kriegshandlungen und sind uns bewusst, dass die Sprunghaftigkeit von Trump ein kaum zu kalkulierendes Event-Risiko darstellt. Trotzdem erscheinen uns die Risikoprämien am kurzen Ende der EUR-Kurve nach dem Re-Pricing der EZB-Erwartungen inzwischen attraktiv. Auch die Ausweitung des Buxl-Spreads ist recht weit gelaufen. Wir bleiben konstruktiv für Peripherie-Spreads gegenüber Bunds und Swaps, wobei wir eine weitere Spreadausweitung zum Aufbau von Positionen abwarten. Risikoprämien bei Investment Grade Credit schätzen wir noch als wenig attraktiv ein.

Die Marktbewegungen der letzten Tage führen eindrücklich vor Augen, dass im Vorfeld des Angriffs auf den Iran die geopolitischen Risikoprämien über alle Assetklassen hinweg deutlich zu niedrig angesetzt waren. Entsprechend massiv verläuft nun das Re-Pricing, wobei die homogene Positionierung vieler Marktteilnehmer die Dynamik der Abwärtsspirale zusätzlich verstärkt. Wir beobachten derzeit ein Phänomen, bei dem die Korrelation zwischen eigentlich unverbundenen Assetklassen gegen eins tendiert – ein klares Signal für Stress im System, bei dem Marktbewegungen zeitweilig der rein ökonomischen Logik widersprechen. Der Abverkauf bei Gold ist ein gutes Beispiel.

Auch das brutale Bear-Flattening der EUR-Zinskurve unterstreicht die Wucht dieses „Pain-Trades“: Am 3. März preisten die ESTR-Forwards zeitweilig eine Wahrscheinlichkeit von über 50% für eine Zinsanhebung der EZB um 25 Basispunkte bis Jahresende ein. In einem Umfeld drohender Rezession wirkt dies paradox, ist aber das Ergebnis technischer Eindeckungen.

Wie geht es weiter?

Wir von Zins² haben keine Glaskugel für den Ausgang oder die Dauer der Kriegshandlungen. Doch das Tail-Risk eines langwierigen Konflikts, der die gesamte Region destabilisiert und die Risikoprämien an den Energiemärkten nachhaltig hochhält, ist signifikant gestiegen. Es ist daher essenziell zu analysieren, wo das Re-Pricing bereits fortgeschritten ist und Risikoprämien adäquat erscheinen - und wo noch gefährliche Lücken klaffen.

  • EUR-Zinskurve: Nach dem extremen bärischen Flattening am kurzen Ende erscheint das Chance-Risiko-Verhältnis bei zweijährigen Swaps mit Renditen über 2,30% attraktiv. Wir gehen davon aus, dass die EZB angesichts steigender Wachstumsrisiken durch einen energiepreisgetriebenen Inflationsschub „hindurchschauen“ wird. Einer Debatte über Leitzinserhöhungen fehlt schlicht die ökonomische Basis. Eine Wiederholung des Bear-Flattening-Szenarios von 2022 (nach dem Angriff auf die Ukraine) halten wir für unwahrscheinlich, da der Einlagensatz heute bereits 250 Basispunkte höher liegt als damals. Jenseits der 10-jährigen Laufzeiten bleibt die Lage komplexer. Im Abaki Fixed Income Convexity profitieren wir derzeit massiv vom Flattening der Kurve zwischen 30 und 50 Jahren sowie der Underperformance des Buxl gegenüber Swaps. Da diese Bewegung weit fortgeschritten ist, beginnen wir hier mit ersten Gewinnmitnahmen.
  • Bund-Swap-Spread: Vor allem im 30-jährigen Segment underperformen Bundesanleihen signifikant gegenüber Swaps. Wir interpretieren dies primär als Pain-Trade im Kontext der Portfolio-Umstellungen niederländischer Pensionskassen. Bei einem Niveau von nahezu 40 Basispunkten erscheint das weitere Ausweitungspotenzial jedoch begrenzt. Am 10-jährigen Ende bleiben wir vorsichtiger; hier ist eine weitere Underperformance der Bunds gegenüber Swaps durchaus denkbar.
  • Euroland Staatsanleihen: Die Ausweitung der Spreads gegenüber Bunds spiegelt die Auflösung von Carry-Positionen im Zuge einer allgemeinen Risk-off-Stimmung wider. Sobald diese technische Bereinigung abgeschlossen ist, erwarten wir eine Rückkehr zur Outperformance der Peripherie. Aktuell reichen die Risikoprämien jedoch noch nicht aus, um bestehende Long-Positionen aggressiv aufzustocken. Dass die EZB über das TPI (Transmission Protection Instrument) eingreift, halten wir beim derzeitigen Spread-Niveau für ausgeschlossen.
  • Investment Grade Credit: Dieses Segment bereitet uns die größten Sorgen. Die Spreads haben bisher nur moderat reagiert, obwohl die Ausfallrisiken in einem stagflationären Szenario deutlich steigen würden. Besonders kritisch sehen wir die Intransparenz im Bereich Private Debt, dessen Volumen sich seit 2020 auf über 1,7 Billionen Dollar mehr als verdoppelt hat. Viele dieser Kredite an mittelständische Unternehmen sind variabel verzinst und zum Teil gehebelt. Ein Stimmungsumschwung in diesem „Schattenbankensektor“ könnte eine Kettenreaktion auslösen, die den klassischen Credit-Markt hart träfe. Hier sind die Prämien schlicht noch nicht attraktiv genug für das eingegangene Risiko.

Das politische Restrisiko

Bei aller Unsicherheit über den Kriegsverlauf stellt die US-Politik ein mindestens ebenbürtiges Risiko dar. Ein Präsident Trump, der innenpolitisch unter Druck gerät, agiert völlig unberechenbar: Er könnte die Lage eskalieren lassen, um Stärke zu beweisen, oder ebenso abrupt eine Deeskalation erzwingen. Dieses „digitale Umfeld“ – ein Entweder-oder ohne Mittelweg – entzieht sich jeder klassischen Kalkulation. Dies ist der Hauptgrund, warum die Risikoprämien strukturell erhöht bleiben müssen, völlig ungeachtet der nächsten Schlagzeile. In einem solchen Marktumfeld ist Liquidität die wertvollste Assetklasse.

Eingepreiste Veränderung Leitzinsen (kumuliert)

Eingepreiste Veränderung Leitzinsen (kumuliert)

Die Eskalation im Mittleren Osten hat angesichts stark steigender Energiepreise und anziehender Inflationserwartungen die Leitzinserwartungen durchgewirbelt. Bis Jahresende preisen die SOFR-Forwards nun weniger als zwei 25 Bp Zinssenkungen für die Fed ein. Juni wird als erstes realistisches Datum für die nächste Zinssenkung gesehen. Wir halten an der Sicht fest, dass die Fed im Zweifel die Zinsen schneller und stärker senken wird als am Markt eingepreist. Spiegelbildlich zur Fed erwartet der Markt für die Bank of Japan bis Dezember 2026 zwei Zinsanhebungen (auf 1,25%), wobei der nächste Schritt für den 28. April mit etwa 60% eingepreist ist. Trotz des brutalen bärischen Flattenings am kurzen Ende der EUR-Kurve schließen wir eine Zinserhöhung der EZB bis Jahresende aus und sehen die Verschiebungen in den ESTR-Forwards vor allem als positions-getrieben und damit nur temporär an.

Erwartete Veränderung EZB Einlagensatz

Erwartete Veränderung EZB Einlagensatz

Das Risiko eines Stagflationsszenarios zusammen mit massiven Steepener-Positionen führt seit Ende Februar zu einem brutalen Re-Pricing der ESTR-Forwards. Bis Ende des Jahres wird nun eine Wahrscheinlichkeit von etwa 30% für eine Zinserhöhung um 25 Bp eingepreist. Verglichen dazu wurde vor einem Monat noch eine Wahrscheinlichkeit von etwa 15% für eine Zinssenkung gesehen. Letzteres ist aus unserer Sicht weiterhin das aus ökonomischer Sicht gerechtfertigte Bild und aus Sicht von Zins² übersteigt die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung die einer Zinssteigerung deutlich.

EUR-Swap (6m)

EUR-Swap (6m)

Die EUR-Zinskurve hat sich im Monatsvergleich massiv verflacht. Während die Sätze bis 3 Jahre leicht zulegten, fielen sie weiter hinten deutlich mit einem Minus von 21 Bp für 50-jährige Swapsätze. Die Outperformance am ultralangen Ende der Kurve (>25 Jahre) steht aus unserer Sicht weiterhin mit dem ausbleibenden Abbau von Receiver Swaps der niederländischen Pensionskassen in Zusammenhang. Steepener-Positionen sind entsprechend der Pain-Trade und werden glattgestellt - die Kurve verflacht sich.

Komponenten der EUR-Swapkurve: Veränderung zum 30.01.26

Komponenten der EUR-Swapkurve: Delta vs. 30.01.

Steigende Gaspreise lassen Inflationserwartungen in der Eurozone im Monatsvergleich über die gesamte Kurve deutlich zulegen. Dies bleibt ohne Auswirkungen auf Nominalrenditen, deren Bewegung stark von Positionierung geleitet wird. Entsprechend gehen Realrenditen deutlich zurück.

Kurvenspread EUR-Swap (6m)

Kurvenspread EUR-Swap (6m)

Kurvenspreads verflachen sich im vorderen wie hinteren Bereich verhältnismäßig deutlich, getrieben durch gestiegene Inflationserwartungen und einem volatileren Umfeld.

Bund-Swap Spread

Bund-Swap Spread

Ohne Flows von den niederländischen Pensionskassen und angesichts der Erwartungen für mehr gemeinschaftliche Schuldenaufnahme in der EU underperformen Bunds gegen Swaps; vor allem im 30-jährigen Segment ist die Bewegung stark technisch getrieben.

Marktdaten: Zinsen & Spreads

Stand 03.03.2026
Δ vs. 30.01.2026
Zinsen
Δ
2y5y10y30y2s10s10s30s
IRS 2.317.8 2.50-1.4 2.78-8.8 3.01-16.2 47.2-16.6 23.0-7.4
i-Spread (bps)
Δ
2y5y10y30y 2s10s10s30s
GER GOV -160.0 -13-1.8 -20.2 385.3 130.2 405.1
FRA GOV 02.1 211.0 613.9 1298.8 621.8 674.8
ITA GOV 59.3 296.6 699.1 13417.8 64-0.2 668.7
i-Spread (bps)
Δ
2y5y10y30y
KfW -50.6 72.4 201.9
EU -52.2 127.1 324.6 9411.1
Land NRW 5-0.7 162.3 250.6 551.9
COV AAA GER 61.4 193.8 335.1

Marktdaten: Swaption Vols

Stand 03.03.2026
Δ vs. 30.01.2026
N-Vol (bps)
Δ
IRS-Tenor
1Y2Y5Y10Y30Y
Maturity 1m 46.820.6 60.325.8 62.618.8 54.910.8 51.41.9
3m 46.619.1 59.622.3 61.516.6 55.58.7 53.32.9
6m 47.915.6 58.216.8 60.512.7 57.87.5 56.53.2
1y 55.013.0 60.612.6 60.88.3 58.84.3 58.71.6
2y 60.57.6 62.36.9 62.14.9 60.62.1 60.81.1
5y 65.11.3 65.41.2 64.70.8 63.90.2 62.30.5
10y 66.80.1 67.00.1 65.1-0.8 63.9-0.6 60.4-0.5

10J Swap vs. Standardabweichung

10J Swap vs. Standardabweichung

Der Graph zeigt den 10jährigen Swapsatz im Vergleich zu seiner (zeitabhängigen) Standardabweichung. Nachdem der Swapsatz im betrachteten Zeitraum zunächst den σ-Kegel nach oben verlassen hatte – was einen im Vergleich zur Markterwartung relativ starken Anstieg widerspiegelte – sind die Zinsen zuletzt wieder in den Kegel zurückgekehrt.

Abaki Fixed Income Convexity

Rückblick

Der Abaki Fixed Income Convexity steht nah an seinem All Time High. Seit Anfang des Jahres weist der Fonds eine Performance von 4,95% aus. Das Kernportfolio profitiert von der Kurvenverflachung jenseits von 30 Jahren sowie der Underperformance des Buxl‘s gegenüber Swaps.

Die EUR-Zinsvolatilität war vor dem Angriff auf den Iran äußerst niedrig, explodierte aber danach vor allem am kurzen Ende, so dass innerhalb von zwei Tagen Option-Breakevens eines ganzen Jahres erreicht wurden. Die Entwicklung stützt unsere Sicht, dass angesichts der geopolitischen Unsicherheit um den Iran systematische Volatilitätsverkäufe keinen Sinn machen.

Positionierung

Wir sehen derzeit eine starke Direktionalität zwischen unserem Kernportfolio und dem Zinsniveau. Zu Absicherungszwecken hatten wir im Vorfeld des Konflikts im Iran eine leichte long Position im vorderen Kurvenbereich aufgebaut und über preiswerte Optionen zusätzliches Gamma-Potenzial für fallende Zinsen gekauft. Mit Ausbruch des Nahostkonflikts profitierten wir stark von dieser Ausrichtung und konnten Delta-Positionen sowohl bei den zunächst hohen Anleihepreisen früh am Montag (02.03) als auch nach den anschließend deutlich gefallenen Kursen erfolgreich glattstellen.

ICM