Strukturelle Risikoprämien am langen Ende der Kurve bleiben erhöht – wir erwarten weiterhin nur einen letzten Zinsschritt der EZB

Der Renditeanstieg bei langlaufenden Staatsanleihen ist keine Rückkehr zur Normalität von vor der Finanzkrise (2008/2009), sondern spiegelt strukturell gestiegene Risikoprämien wider. Versuche der USA, mittels Treasury-Rückkäufen dagegen anzugehen, dürften deshalb scheitern. Eine EZB-Zinsanhebung am 10. September sehen wir von Zins² weiterhin als letzten Schritt im Zyklus auch wenn die Unsicherheit zunimmt. 5J-EUR-Swap Sätze um 3,1% sollten damit weiterhin eher die Obergrenze der Handelsspanne widerspiegeln. 10J-Bundrenditen unter 3,10% dürften dagegen ohne Aktienmarkt-Schock kaum Bestand haben und die Risiken bei langen Renditen bleiben leicht nach oben gerichtet. OATs dürften gegenüber Bunds weiter underperformen und ein 10J-Spread von 100 Bp per Ende des Jahres ist plausibel. Die OAT-Schwäche bietet Bunds im Vergleich zu Swaps vorübergehend Unterstützung.

Renditen langlaufender Staatsanleihen notieren global auf den höchsten Niveaus seit der Finanzkrise 2008. Vordergründig wirkt der Anstieg der letzten Monate also wie eine Rückkehr zu einem damals als „normal“ angesehenen Zustand. Dies wäre dann ein Kaufsignal mit Blick auf klassische 60/40-Portfolios (Aktien/Renten). Der Vergleich mit der Vorkrisenära hinkt jedoch: Damals reflektierten die erhöhten Renditen eine solide wachsende Weltwirtschaft bei moderaten Staatsschulden in einem regelbasierten Weltfinanzsystem. Heute spiegeln sie primär gestiegene Risikoprämien in einem Finanzsystem wider, wo der Safe-Haven Status von Staatsanleihen von mehreren Seiten „angegriffen“ wird: Eine seit 2008 in den Industriestaaten nahezu verdoppelte Staatsverschuldung, sinkendes Potenzialwachstum infolge des demografischen Wandels, wachsende geopolitische Spannungen durch den Vertrauens- und Machtverlust der USA gekoppelt mit Handelsverwerfungen sowie eine politische Lähmung angesichts einer zunehmenden gesellschaftliche Polarisierung; hinzu kommen mögliche Risiken aufgrund des Klimawandels.

All dies führt zu sich verstärkenden Zweifeln an der Schuldentragfähigkeit wichtiger Industriestaaten und Szenarien in denen Zentralbanken der Buyer of last Resort für Staatsanleihen werden (müssen) erscheinen nicht mehr unmöglich. Damit droht die Geldpolitik in die Abhängigkeit von der Fiskalpolitik zu geraten (fiskalische Dominanz). Maßnahmen wie die von US-Finanzminister Bessent avisierten erhöhten Treasury-Rückkäufe wirken in diesem Umfeld im besten Fall wie markttechnische Kosmetik könnten jedoch auch als Zeichen beginnender Panik auf Regierungsseite interpretiert werden. Die Schwäche des USD bei gleichzeitig sprunghaft höherem Goldpreis und Bitcoin-Kurs kann zumindest auch ein Warnsignal sein, dass solche Versuche der „Marktmanipulation“ zu breiteren Vertrauensverlusten bei Safe-Haven-Assets führen können.

Inflationsrisiken bleiben erhöht und EZB dürfte am 10. September reagieren

Neben diesen eher strukturellen Themen bleibt die Inflation ein zentraler Unsicherheitsfaktor, vor allem für den vorderen Bereich der EUR-Zinskurven. Risiken durch die ungelöste Krise in der Straße von Hormus, niedrige europäische Gasspeicherstände sowie die Auswirkungen extremer Sommerhitze und des aufziehenden Super-El-Niño auf Lebensmittelpreise stehen im Fokus der Marktteilnehmer. Wir von Zins² glauben zwar nicht, dass die neuen Wirtschaftssanktionen der USA den Iran zum Einlenken zwingen werden, doch sollte die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung weiterhin nicht unterschätzt werden. Im Vorfeld der US-Midterms am 3. November dürfte die US-Administration recht schnell bereit sein auf De-Eskalation zu setzen, sollten sich dadurch die Energiepreise senken lassen. Dies sollte einen Anstieg des Ölpreises (Brent Crude) deutlich über 90 USD verhindern.

Die in den ESTR-Forwards eingepreisten ca. 60 Bp an Zinsanhebungen der EZB bis Mitte 2027 erscheinen in diesem Kontext weiterhin (zu) hoch. Angesichts des verbesserten Konjunkturausblicks in der Eurozone – sichtbar am Anstieg des Economic Surprise Index auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren – dürften zwar die Tauben im EZB-Rat etwas geschwächt sein, doch bleibt die Hürde, die Leitzinsen nach dem 10. September erneut und damit in den restriktiven Bereich anzuheben, aus Sicht von Zins² weiterhin hoch. Viel wird dabei vom Gaspreis abhängen, der sich seit Ende Februar fast verdoppelt hat und wo die gering gefüllten Gasspeicher in Europa für den Fall eines harten Winters steigende Preisvolatilität bei Gas und mögliche Zweitrundeneffekte bei der Inflation auslösen könnten. Dies würde im EZB-Rat den Falken Rückenwind geben und die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Zinsschritts auf dann 2,75% im 1. Quartal 2027 zunehmen lassen.

Für die EUR-Zinskurve heißt dies, dass die Mitte der Handelsspanne der Renditen 2- bis 5-jähriger Laufzeiten zwar weiter knapp unter 3% verankert sein sollte und Niveaus um 3,1% beim 5-jährigen EUR-Swapsatz eher die Obergrenze der Handelsspanne darstellen. Bei langen Laufzeiten bleiben wir dagegen vorsichtig. Angesichts der am Anfang des Textes diskutierten Risikofaktoren sollten Rückgänge bei 10-jährigen Bundrenditen unter die Bandbreite von 3,0% bis 3,10% ohne einen „Unfall" am Aktienmarkt kaum nachhaltig sein. Ebenfalls belastend für das lange Ende der Kurve bleibt der hohe Emissionsbedarf von US-Hyperscalern im Zuge der Investitionen in die KI-Infrastruktur. Dies führt zwar vor allem zu einem Verdrängungswettbewerb (Crowding-Out) von langlaufenden US-Staatsanleihen, doch strahlen steigende US-Renditen auch auf EUR-Anleihen aus.

OATs: Aufwärtsrisiken bei Spreads überwiegen, jedoch nicht mehr gegenüber BTPs; Nervosität bei OATs stützt Bunds gegenüber Swaps

OATs haben in den vergangenen Monaten gegenüber Bunds, aber auch gegenüber BTPs, über alle Laufzeitsegmente hinweg underperformt. Im Segment von 2 bis 30 Jahren notieren die Renditen von BTPs inzwischen unter jenen französischer OATs. Angesichts eines Ratingunterschieds von drei Notches zwischen Frankreich und Italien (S&P) erscheint dies fundamental schwer zu rechtfertigen und spiegelt Sorgen vor den in Frankreich im September beginnenden Haushaltsverhandlungen für 2027 sowie dem Ausgang der französischen Präsidentschaftswahlen (April 2027) wider. Angesichts der auch in Italien aufziehenden politischen Wolken (mögliche Neuwahlen) erscheint eine weitere deutliche Underperformance von OATs gegenüber BTPs jedoch wenig plausibel, zumal eine Long-BTP- und Short-OAT-Position inzwischen Konsens sein dürfte.

Im Vergleich zu Bunds oder auch Swaps sollten OATs dagegen weiter underperformen, und ein Spread um 100 Bp (vs. 10-jährige Bunds) erscheint auf Sicht des Jahresendes plausibel. Die Stärke des Rassemblement National (RN) unter Marine Le Pen sowie der extremen Linken in den Umfragen verstärkt die Marktsorgen vor einer Fiskalpolitik ohne Priorität auf Schuldenabbau. Nach einem geschätzten Haushaltsdefizit von 5,1% im Jahr 2026 droht ohne weitere Konsolidierungsschritte im kommenden Jahr ein Anstieg in Richtung 5,7%; sinkende Wachstumserwartungen und steigende Zinskosten belasten die Fiskalindikatoren zusätzlich und die Verschuldung könnte bereits 2027 über 120% des BIP klettern.

Der Verweis auf mögliche OAT-Käufe der EZB im Rahmen des Transmission Protection Instrument (TPI) erweist sich als unzureichendes Sicherheitsnetz für OATs. Da sich Frankreich im Verfahren wegen eines übermäßigen Defizits (Excessive Deficit Procedure, EDP) befindet, erfüllt das Land formal nicht die Grundvoraussetzungen für eine TPI-Aktivierung. Entsprechend bietet das Instrument keinen Schutz gegen eine kontinuierliche Ausweitung der OAT-Spreads. Zwar dürften die EZB oder andere europäische Mechanismen im Falle einer systemischen OAT-Krise eingreifen, um Ansteckungseffekte auf die Peripherie zu verhindern, doch dürfte dies kaum bereits bei 10-jährigen Spreads im Bereich von 100 Basispunkten erfolgen. Wir empfehlen im aktuellen Umfeld daher eine Absicherung von OAT-Risiken.

Sorgen über die politische und fiskalische Entwicklung Frankreichs im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2027 können zumindest temporär den Safe-Haven-Status von Bunds wiederbeleben und die strukturellen Belastungen aus dem hohen deutschen Haushaltsdefizit und steigenden Nettoemissionsvolumina zumindest zeitweise überlagern. Entsprechend dürften Bunds in den kommenden Monaten sogar leicht gegenüber Swaps outperformen können. Angesichts der auch in Deutschland zunehmend sichtbareren politischen Polarisierung sowie der vielfältigen strukturellen Probleme sollte dies aus Sicht von Zins² jedoch nur von zeitlich begrenzter Dauer sein.

Eingepreiste Veränderung Leitzinsen (kumuliert)

Eingepreiste Veränderung Leitzinsen (kumuliert)

Eine straffere Geldpolitik ist für alle wichtigen Zentralbanken bis Jahresende fest eingepreist. Die über den Zielmarken verharrenden Inflationsraten in Kombination mit Aufwärtsrisiken bei den Preisen durch höhere Energie- und Lebensmittelpreise sind die wesentlichen Treiber hinter diesen recht einheitlichen Zinssteigerungserwartungen. Beim Zinspfad in den USA und Japan dürfte die Unsicherheit jeweils am höchsten sein. Während die Politik unter dem neuen Fed-Chef Warsh weiterhin für Analysten schwer zu lesen ist, hält sich im Fall der BoJ der Eindruck, dass sie „behind the curve" ist und im Zweifel vor allem 2027 die Zinsen schneller wird anheben müssen.

Erwartete Veränderung EZB Einlagensatz

Erwartete Veränderung EZB Einlagensatz

Mit über 95% Wahrscheinlichkeit preisen die ESTR-Forwards eine 25-Bp-Zinsanhebung der EZB bei der kommenden Sitzung am 10. September ein. Nach den eher hawkischen Kommentaren aus dem EZB-Rat nach der Sommerpause (Schnabel) und angesichts der vor allem anziehenden Gaspreise wäre alles andere eine massive Überraschung. Mit dann 2,50% wird der Einlagensatz am oberen Rand der als „neutral" betrachteten Zinsspanne notieren, was automatisch bedeutet, dass die Hürde für einen weiteren Zinsschritt auf 2,75% deutlich höher wäre. Angesichts der zuletzt positiven Konjunkturdaten aus der Eurozone hat die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario im Monatsvergleich jedoch etwas zugenommen. Wir von Zins² sehen sie bei etwa 30%.

EUR-Swap (6m)

EUR-Swap (6m)

Die EUR-Swapkurve hat sich im Monatsvergleich zwischen 2 und 10 Jahren um knapp 4 Bp nach oben verschoben. Weiter hinten legten die Renditen etwas stärker zu (50J +6 Bp), wobei dafür auch die niedrige Liquidität über die Ferienzeit im August eine Rolle gespielt haben dürfte. Verglichen mit dem Niveau vor Kriegsbeginn im Iran notieren 2-jährige Swapsätze aktuell um über 80 Bp höher – gegenüber einem Plus von 57 Bp bei 10-jährigen, etwa 37 Bp bei 30-jährigen und knapp 30 Bp bei 50-jährigen Laufzeiten.

Komponenten der EUR-Swapkurve: Veränderung zum 31.07.26

Komponenten der EUR-Swapkurve: Delta vs. 31.07.

Inflationserwartungen legten vor allem im kurzen Laufzeitbereich recht deutlich zu, und trotz rückläufiger Realrenditen stiegen nominale Swapsätze an. Umso überraschender ist es, dass ab 10 Jahren auch die Realrenditen anzogen, was zu einem leichten bärischen Steepening der EUR-Swapkurve führte. Der Impuls bei Realrenditen im hinteren Kurvenbereich kam vor allem von höheren US-Treasury-Renditen.

Kurvenspread EUR-Swap (6m)

Kurvenspread EUR-Swap (6m)

Angesichts der im Monatsvergleich nahezu parallelen Verschiebung der EUR-Zinskurve zwischen 2 und 10 Jahren überrascht es nicht, dass sich auch der Kurvenspread kaum verändert zeigt. Zwischen 10 und 30 Jahren legte der Spread leicht zu. Wir favorisieren weiterhin Steepener-Positionen sowohl zwischen 5 und 30 Jahren als auch zwischen 10 und 30 Jahren.

Bund-Swap Spread

Bund-Swap Spread

Bunds haben im 10- und 30-jährigen Segment zwar zuletzt wieder etwas gegenüber Swaps outperformt, doch handeln sie im Monatsvergleich auf nahezu unveränderten Niveaus. Anders sieht es weiter vorne auf der Kurve aus. Hier setzt sich der seit Juni bestehende leichte Trend einer Bund-Outperformance fort. Letzteres erklären wir vor allem mit leichter Safe-Haven-Nachfrage für dieses Segment deutscher Staatsanleihen angesichts der Nervosität und Spreadausweitung bei OATs im Vorfeld der Haushaltsverhandlungen im September sowie der Unsicherheit für den Fall eines Siegs von Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen im April 2027.

Marktdaten: Zinsen & Spreads

Stand 26.08.2026
Δ vs. 31.07.2026
Zinsen
Δ
2y5y10y30y 2s10s10s30s
IRS 3.063.5 3.123.6 3.283.5 3.384.8 21.20.0 10.01.3
i-Spread (bps)
Δ
2y5y10y30y 2s10s10s30s
GER GOV -210.2 -15-0.7 -30.0 37-1.0 18-0.2 40-1.0
FRA GOV -31.3 363.8 816.2 1515.8 844.9 70-0.3
ITA GOV -2-1.7 33-3.0 79-3.7 146-5.5 80-2.0 67-1.8
i-Spread (bps)
Δ
2y5y10y30y
KfW -16-1.0 0-1.2 18-0.3
EU -17-2.0 2-0.8 280.3 890.4
Land NRW -70.3 6-1.7 20-1.3 53-1.4
COV AAA GER -0-1.7 11-3.0 26-1.5

Marktdaten: Swaption Vols

Stand 26.08.2026
Δ vs. 31.07.2026
N-Vol (bps)
Δ
IRS-Tenor
1Y2Y5Y10Y30Y
Maturity 1m 56.8-11.5 69.3-7.9 62.9-3.5 54.6-1.8 46.3-0.6
3m 64.0-10.7 72.3-8.3 67.2-3.4 61.4-0.5 52.30.4
6m 70.5-7.5 74.7-6.6 69.2-3.5 66.01.3 59.52.9
1y 77.3-4.7 77.9-4.6 72.5-4.0 67.7-1.3 61.9-1.4
2y 78.4-3.0 77.6-3.2 74.0-2.3 70.4-1.2 65.3-1.0
5y 75.8-0.7 75.4-0.7 72.5-0.9 70.6-0.5 65.7-1.3
10y 72.1-0.5 72.2-0.5 70.0-0.6 68.4-0.2 64.0-0.6

10J Swap vs. Standardabweichung

10J Swap vs. Standardabweichung

Der Graph zeigt den 10-jährigen Swapsatz im Vergleich zu seiner (zeitabhängigen) Standardabweichung. Das Underlying weist über den betrachteten Zeitraum von Mai bis August mit 56 Basispunkten p.a. eine 93%ige Vol-Realisierung auf. Ex-Post war die Markterwartung demnach angemessen. Aktuell liegt die implizite Volatilität (3m10y) bei 61 Basispunkten.

Abaki Fixed Income Convexity

Rückblick

Der Abaki Fixed Income Convexity verzeichnet YTD eine Performance von +4,0% und hat damit im August etwa 0,9% verloren. Ausschlaggebend dafür ist eine leichte Long-Positionierung bei kürzeren Laufzeiten.

Positionierung

Derzeit halten wir eine Quote ultralanger Anleihen (>30 Jahre Laufzeit) von 52%. Effekte aus der zweiten Umstellungswelle bei den niederländischen Pensionsfonds sehen wir durch das gestiegene Zinsniveau weiter reduziert und präferieren 5s30s Steepener als eine ausgewogene Gegenpositionierung zum Long-End-Flattener. An einer leichten Long-Positionierung bis 5 Jahre halten wir nach wie vor fest. Den aktuellen Gamma-Überhang verkaufen wir auf Grund der niedrigen Volatilitäts-Levels in Relation zur Eventmasse nicht. Dies stellt eine opportunistische Ausrichtung für den Fall dar, dass lange Laufzeiten weiterhin verkauft werden und Volatilitäten anspringen sollten.

ICM