Michael Ramon Klawitter
Michael Ramon Klawitter 27.02.2026 · 14:42

Die Rückkehr negativer Zinsen - Citrini weitergedacht!

Basierend auf der These einer KI-induzierten Disruption – wie sie etwa Citrini Research mit Fokus auf extreme Produktivitätssprünge bei gleichzeitigem Risiko einer erodierenden privaten Nachfrage beschreibt (Link) – ergeben sich weitreichende Implikationen für die globale Geldpolitik und die Struktur der Zinskurven. Kostendeflation bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen stünde einer durch Arbeitsplatzverluste erodierenden Massenkaufkraft gegenüber, was ein strukturell deflationäres Z

Basierend auf der These einer KI-induzierten Disruption – wie sie etwa Citrini Research mit Fokus auf extreme Produktivitätssprünge bei gleichzeitigem Risiko einer erodierenden privaten Nachfrage beschreibt (Link) – ergeben sich weitreichende Implikationen für die globale Geldpolitik und die Struktur der Zinskurven. Kostendeflation bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen stünde einer durch Arbeitsplatzverluste erodierenden Massenkaufkraft gegenüber, was ein strukturell deflationäres Zeitalter einläuten würde. Nachdem die Fortschritte im Bereich KI in den vergangenen drei Jahren schneller verliefen als zuvor prognostiziert, ist es aus Sicht von Zins² angebracht,  mögliche  Konsequenzen eines solchen Szenarios für die Geldpolitik, Zinskurven und Spreads zu beleuchten. Die Frage, wie wahrscheinlich dieses Szenario ist können wir nicht beantworten. Doch sind die Auswirkungen zu gravierend, um ein solches Tail-Risk auszublenden.  

Geldpolitik – ultra-expansiv 

Wenn KI die Grenzkosten der Produktion gegen null treibt, indem Kapitalinvestitionen in Software und KI hocheffizient menschliche Arbeit ersetzen, erscheint eine Deflationsspirale wahrscheinlich. Gleichzeitig verlören Zinsen ihre Lenkungsrolle für die Wirtschaft. Zentralbanken, die zunächst an ihrem Mandat der Preisstabilität festhalten, wären gezwungen, die Leitzinsen dauerhaft zu senken – mit hoher Wahrscheinlichkeit bis in den negativen Bereich, ähnlich wie in der Eurozone zwischen 2014 und 2022 oder in Japan und der Schweiz. Anders als damals, als negative Zinsen primär ein geldpolitisches Steuerungsinstrument darstellten, wären sie in einem KI-induzierten Deflationsszenario struktureller Natur: Ausdruck einer fundamental veränderten Wachstums- und Preisdynamik. Dies dürfte einhergehen mit der Rückkehr von massivem Quantitative Easing (QE) oder sogar direkter Staatsfinanzierung (Helikoptergeld), um die private Nachfrage künstlich zu stützen. 

Die Zinskurve: Zunächst Bull-Flattening, dann Steepening 

In der ersten Ableitung würden wir von Zins² ein strukturelles Bull-Flattening erwarten. Langfristige Inflationserwartungen kollabieren aufgrund technologischer Effizienzgewinne, und die Zinskurve würde extrem flach verlaufen – zumal eine solche Phase mit umfangreichen Anleihekäufen der Zentralbanken einhergehen würde. Laufzeitprämien bei Staatsanleihen würden entsprechend fallen und könnten sogar negativ werden. Das Marktumfeld wäre durch eine permanente Flucht in Qualität und Sicherheit geprägt. In einem solchen Schockszenario könnten zehnjährige Staatsanleihen (Bunds, Treasuries) Renditen erreichen, wie wir sie aus der tiefsten Phase der Eurokrise kennen. Dabei ist eine zentrale Paradoxie zu beachten: Trotz nominaler Null- oder Negativzinsen könnten die Realzinsen aufgrund der Deflation steigen. Dies würde die Schuldenlast für Staaten und Unternehmen untragbar machen und die Krise weiter verschärfen – ein Mechanismus, der geldpolitische Lockerung strukturell ins Leere laufen lässt. 

In der zweiten Ableitung rücken zunehmende Kreditrisiken auch bei Staatsanleihen in den Fokus. Steigende Haushaltsdefizite und wachsende Schuldenstände lassen Ausfallrisiken zunehmen, und die Kreditkurven dürften sich deutlich versteilen. Der Übergang vom Flattening zum Steepening markiert dabei den Moment, in dem Märkte beginnen, fiskalische Tragfähigkeit zu bezweifeln – ein Kipppunkt, der schwer vorhersehbar, aber von hoher Relevanz ist. 

Kreditspreads 

Die Erosion privater Erwerbseinkommen und damit der Kaufkraft wird zu einer breiten Assetdeflation führen. Steuereinnahmen der Staaten brechen weg, und Kreditrisiken nehmen generell zu. In der ersten Phase dürfte dies Banken über steigende Kreditausfälle treffen, was schnell in eine gesamtwirtschaftliche Liquiditätskrise münden kann. Auch Staaten werden sich angesichts wegbrechender Steuereinnahmen diesem Druck nicht entziehen können, und Creditspreads dürften insgesamt sprunghaft ansteigen. 

Sichere Häfen? 

Ein deflationäres Umfeld macht auch vor Assetpreisen nicht halt. Einzelne Unternehmen – insbesondere solche, die von KI-Effizienzgewinnen profitieren – werden prosperieren. Für die breite Masse der Unternehmen gilt dies jedoch kaum, und Aktienindizes dürften entsprechend deutlich verlieren. Staatsanleihen taugen als sicherer Hafen nur noch im Einzelfall, da steigende Ausfallrisiken differenzierte Bonitätsbetrachtungen erfordern. Cash sollte in einem solchen Szenario real outperformen. Edelmetalle bieten zwar einen strukturellen Schutz als Wertaufbewahrungsmittel außerhalb des Finanzsystems, könnten nominal jedoch ebenfalls unter Druck geraten – insbesondere dann, wenn Liquiditätsbedarf zu erzwungenen Verkäufen führt. 


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