Lagarde-Nachfolge: Was auf dem Spiel steht
Offiziell endet die Amtszeit von EZB-Präsidentin Lagarde zwar erst am 31. Oktober 2027, doch steht nach Informationen der Financial Times ein früherer Wechsel an. So will Lagarde ihren Platz vorzeitig räumen, um dem französischen Präsidenten Macron – und nicht seinem möglichen Nachfolger vom Rassemblement National (Präsidentschaftswahlen im April 2027) – die Nachfolgeentscheidung zu ermöglichen. Grundsätzlich werden sowohl das Direktorium als auch die
Offiziell endet die Amtszeit von EZB-Präsidentin Lagarde zwar erst am 31. Oktober 2027, doch steht nach Informationen der Financial Times ein früherer Wechsel an. So will Lagarde ihren Platz vorzeitig räumen, um dem französischen Präsidenten Macron – und nicht seinem möglichen Nachfolger vom Rassemblement National (Präsidentschaftswahlen im April 2027) – die Nachfolgeentscheidung zu ermöglichen. Grundsätzlich werden sowohl das Direktorium als auch die Präsidentschaft der EZB vom Europäischen Rat und damit den Staatschefs der EU mit qualifizierter Mehrheit gewählt, was die Position Frankreichs für den Wahlausgang entscheidend machen kann. Die Schlagzeile der FT wirft verschiedene marktrelevante Fragen auf:
1. Wer tritt Lagardes Nachfolge an? Im Rennen sind aktuell der Spanier Pablo Hernández de Cos, Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ); Klaas Knot, der ehemalige Präsident der niederländischen Zentralbank; Joachim Nagel, der Präsident der Bundesbank, und Isabel Schnabel, aktuell Direktoriumsmitglied der EZB. De Cos gilt als wahrscheinlichster Kandidat, solange er die Stimmen Frankreichs auf sich vereinen kann. Als nächstwahrscheinlicher Kandidat wird Klaas Knot gesehen. Aufgrund von von der Leyens Präsidentschaft der EU-Kommission wird die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland die EZB-Präsidentschaft für sich reklamieren kann, als gering eingestuft. Gegen Isabel Schnabel spricht zudem, dass sie als stärkster Falke im EZB-Rat wahrgenommen wird (siehe Bloomberg Auswertung) und damit nicht mehrheitsfähig sein dürfte.
2. Implikationen für die Geldpolitik: eher expansiv! Zwei Faktoren sprechen für einen dovisheren Kurs unter einem Nachfolger von Lagarde. Lagarde hat die Beschlussfassung im EZB-Rat auf Konsens ausgerichtet, auch da sie selber keine Zentralbankerin, sondern eher eine Politikerin war. Ihr Nachfolger könnte stärker eigene Positionen durchsetzen, was bei einem südeuropäischen Kandidaten eher in Richtung Lockerung zeigen dürfte. Frankreich, mit einer Kerninflation von nur 1,0 % bei gleichzeitig steigender Schuldenquote, hat strukturell Interesse an einer akkommodierenden Geldpolitik und wird entsprechenden Druck über den Nachfolger von Villeroy, dem per Anfang Juni 26 zurücktretenden Gouverneur der Banque de France, entfalten. Sollte zudem die Inflationsrate in der Eurozone von aktuell 1,7 % weiter etwas zurückgehen, würde der Rückenwind für die Tauben im EZB-Rat ebenfalls zunehmen.
3. Risiko für die Unabhängigkeit der EZB: Während bisher vor allem das Risiko der Politisierung der Fed diskutiert wurde, wird diese Diskussion nun auch bei der EZB konkreter. Wenn Zentralbanker aktiv darauf hinwirken, welche Regierung ihren Nachfolger ernennt, wird die Behauptung politischer Neutralität unglaubwürdig. Langfristig könnte das den Legitimationsdruck auf die institutionelle Unabhängigkeit der EZB erhöhen.
Fazit: Ein Rücktritt von Lagarde noch in diesem Jahr hätte ein „Geschmäckle“ hinsichtlich der politischen Unabhängigkeit der EZB. Wir von Zins² sehen die Wahrscheinlichkeit einer im Zweifel eher etwas expansiveren Geldpolitik leicht zunehmend, ohne dass dies zum aktuellen Zeitpunkt Einfluss auf unsere Positionierung hat.
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