Michael Ramon Klawitter
Michael Ramon Klawitter 21.07.2026 · 12:40

Niedrige Füllstände der Gasspeicher hält EU-Gasmarkt unter Stress: Auswirkungen auf EZB und Wettbewerbsfähigkeit der EU

Trotz der Fortschritte bei der Dekarbonisierung der europäischen Stromerzeugung – wo Erneuerbare und Kernenergie zusammen bereits knapp 70% abdecken – dominieren fossile Energieträger aufgrund des hohen Bedarfs in den Sektoren Verkehr, Wärme und Industrie mit fast 60% weiterhin den Primärenergieverbrauch der EU. In Deutschland liegt dieser fossile Anteil mit rund 78% nochmals deutlich höher. Vor allem die Dynamik am Erdgasmarkt rückt derzeit

Trotz der Fortschritte bei der Dekarbonisierung der europäischen Stromerzeugung – wo Erneuerbare und Kernenergie zusammen bereits knapp 70% abdecken – dominieren fossile Energieträger aufgrund des hohen Bedarfs in den Sektoren Verkehr, Wärme und Industrie mit fast 60% weiterhin den Primärenergieverbrauch der EU. In Deutschland liegt dieser fossile Anteil mit rund 78% nochmals deutlich höher.

Vor allem die Dynamik am Erdgasmarkt rückt derzeit wieder verstärkt in den Fokus: Mit knapp 60 EUR/MWh notiert der europäische Referenzpreis (TTF) erneut nahe seinen Höchstständen von Mitte März. Dies entspricht einem Anstieg von rund 45% seit Ende Juni; im Jahresvergleich liegt das Plus bei etwa 80%. Im Vergleich dazu nimmt sich die Preisentwicklung bei Brent Crude verhältnismäßig moderat aus: Das Rohöl verteuerte sich seit der erneuten Eskalation im Persischen Golf um gut 20% (+27% im Vorjahresvergleich).

Ursächlich für diese Asymmetrie ist die europäische Sommersaison: Die notwendige Einspeicherung zur Vorbereitung auf den Winter trifft aktuell auf ein verknapptes Flüssiggasangebot (LNG) infolge der Lieferunterbrechungen aus dem Persischen Golf. Mit einem Füllstand von derzeit rund 45% liegen die deutschen Gasspeicher spürbar unter dem Vorjahresniveau (57%) – der Befüllungspfad folgt damit in etwa dem historisch schleppenden Anstieg von 2021, der mit dem Wegbrechen des russischen Pipeline-Gas 2022 zu brutalen Preissprüngen führte. Die Entwicklung in 2026 ist kein deutsches Sonderproblem, sondern spiegelt sich im EU-Durchschnitt wider. Da der globale Wettbewerb um verbleibende LNG-Frachten angesichts hoher geopolitischer Risiken intensiv bleiben wird, dürften die Preise zunächst hoch und die Preisrisiken in Europa weiterhin nach oben gerichtet bleiben

Das Thema Energiepreise behält doppelte Sprengkraft für die Eurozone/Europa: Zum einen hält die Preisdynamik den Inflationsausblick in der Eurozone erhöht und der Einlagensatz der EZB dürfte nach dem von uns im September erwarteten Zinsschritt längere Zeit bei 2,5% und damit am oberen Rand des „neutralen“ Korridors verharren. Entsprechend bleibt die EUR-Zinskurve vorne flacher, als man dies aus rein konjunktureller Sicht erwarten würde. Zum anderen verschärft die Energiepreisentwicklung die strukturelle Krise der europäischen Industrie. Während sich die Pipeline-Gaspreise in den USA (Henry Hub) seit Ende Februar weitgehend stabil zeigten (+10%), zahlen Unternehmen in Europa derzeit etwa das Fünffache für Erdgas. Für energieintensive Schlüsselbranchen ist dieses Scherenverhältnis auf Dauer unhaltbar – es erklärt die ausgeprägte Zurückhaltung bei den Anlageinvestitionen und beschleunigt die schleichende Deindustrialisierung Europas. Niedrigeres Potentialwachstum mit entsprechend Folgen für höhere Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung sind die Folge.


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