Öl, Inflation & Zinsen: Das Rote Meer als neuer Markt-Katalysator?
Im Vorfeld der EZB-Sitzung am 23. Juli legen die Öl- und Gaspreise weiter zu. Drohungen der Huthi-Rebellen aus dem Jemen, neben dem Schiffsverkehr durch das Rote Meer nun auch saudische Ölverladeeinrichtungen an der Rotmeer-Küste ins Visier zu nehmen, sorgen an den Märkten für erhöhte Nervosität. Eine Unterbrechung der Passage durch das Rote Meer würde sich hinsichtlich ihrer
Im Vorfeld der EZB-Sitzung am 23. Juli legen die Öl- und Gaspreise weiter zu. Drohungen der Huthi-Rebellen aus dem Jemen, neben dem Schiffsverkehr durch das Rote Meer nun auch saudische Ölverladeeinrichtungen an der Rotmeer-Küste ins Visier zu nehmen, sorgen an den Märkten für erhöhte Nervosität. Eine Unterbrechung der Passage durch das Rote Meer würde sich hinsichtlich ihrer konjunkturellen und geldpolitischen Konsequenzen für die europäische Wirtschaft und die Finanzmärkte deutlich von der Sperrung der Straße von Hormus unterscheiden.
Eine Blockade der Route durch das Rote Meer und den Suezkanal würde primär einen Logistikschock darstellen, da der wichtigste Seeweg zwischen Europa und Asien unterbrochen würde. Über diesen Verkehrskanal laufen rund 12% des weltweiten Handels sowie 30% des globalen Containerverkehrs. Die notwendige Umleitung der Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung würde die Transportzeiten von Asien nach Europa um 10 bis 14 Tage verlängern und somit die Knappheit bei Containerkapazitäten verschärfen. Just-in-Time-Lieferketten würden Gefahr laufen zu brechen. Bereits seit Mai haben sich die Frachtraten für Container zwischen Shanghai und Rotterdam mehr als verdoppelt (von 2200 USD/40 Fuß Container auf aktuell 4800 USD) – ein Trend, der sich bei einer Eskalation im Roten Meer weiter beschleunigen dürfte. Der Preisschock für Europa würde in einem solchen Szenario an Breite gewinnen und Unterbrechungen der Lieferketten könnten zu Produktions-/Konsumeinschränkungen führen.
Neben dem Logistikschock enthielte eine Eskalation im Roten Meer auch eine Energiekomponente: Sollten die saudischen Ausfuhrterminals am Roten Meer attackiert werden, könnte Saudi-Arabien seine Ost-West-Pipeline nicht mehr als Ausweichroute für blockierte Ölexporte durch die Straße von Hormus nutzen. Dem Weltmarkt würden damit weitere rund 4 Mio. Barrel pro Tag (ca. 4% des globalen Ölangebots) an physischem Rohöl fehlen, was den Ölpreis (Brent Crude) dann vermutlich zurück über 100 USD ansteigen lassen würde.
Für die morgige EZB-Entscheidung ist die Unsicherheit um die Entwicklung im Roten Meer noch irrelevant – die Leitzinsen sollten unverändert bleiben. Die Eröffnung einer „zweiten Front“ im Roten Meer würde jedoch die Unsicherheit bezüglich des Inflationsausblicks und der konjunkturellen Perspektiven deutlich erhöhen. Das Risiko, dass die EZB die Leitzinsen nach einem von uns erwarteten letzten Schritt im September (auf 2,50%) im Winter nochmals anheben wird, nähme spürbar zu. In einem solchen Umfeld dürfte sich das Bear Flattening der EUR-Zinskurve länger fortsetzen als bislang erwartet. Zeitgleich ginge diese Entwicklung mit einer verstärkten Underperformance von europäischen Staatsanleihen gegenüber Swaps einher, da schwächeres Wirtschaftswachstum die fiskalische Lage der EU-Mitgliedstaaten weiter belasten und zu höheren Netto-Neuemissionen führen dürfte.
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