Warum handelt Öl nicht über 100 USD – und was passiert, wenn doch?
Fünf Tage nach Beginn der US-israelischen Luftschläge gegen den Iran und einer de facto Blockade der Straße von Hormuz steht der Energiemarkt vor dem potenziell größten Versorgungsausfall seit dem Ersten Golfkrieg 1990. Doch trotz dieser massiven geopolitischen Eskalation zeigt sich der Ölpreis überraschend diszipliniert: Brent Crude handelt aktuell bei rund 84 Dollar. Das entspricht zwar einem Plus von etwa 30%
Fünf Tage nach Beginn der US-israelischen Luftschläge gegen den Iran und einer de facto Blockade der Straße von Hormuz steht der Energiemarkt vor dem potenziell größten Versorgungsausfall seit dem Ersten Golfkrieg 1990. Doch trotz dieser massiven geopolitischen Eskalation zeigt sich der Ölpreis überraschend diszipliniert: Brent Crude handelt aktuell bei rund 84 Dollar. Das entspricht zwar einem Plus von etwa 30% seit Kriegsbeginn, ist aber im historischen Vergleich – man denke an die Preisspitze von fast 140 Dollar nach der russischen Invasion in die Ukraine 2022 – moderat.
Was erklärt diese bisherige Zurückhaltung der Märkte? U. a. US-Innenpolitik
Der gewichtigste Grund dürfte in der politischen Statik in Washington liegen. Die Marktteilnehmer wetten darauf, dass die Trump-Administration im Angesicht der Midterm-Elections im November und bereits jetzt schwächelnder Umfragewerte einen Ölpreisschock um jeden Preis verhindern muss. Das bedeutet für die Märkte zweierlei: Erstens eine massive Freigabe aus den strategischen Reserven der USA und zweitens die Annahme, dass die USA kein Interesse an einem zeitlich ausufernden militärischen Abenteuer haben. Flankiert wird diese politische Komponente durch einen strukturellen Wandel der Weltwirtschaft. Diese ist heute deutlich weniger ölintensiv als in vergangenen Jahrzehnten. Zudem hat die Industrie aus den Krisen der letzten Jahre – von der Pandemie bis zu den Russland-Sanktionen – gelernt, Lieferketten unter extremem Druck binnen kürzester Zeit neu zu „stricken“. Der Markt hat diesen Konflikt zudem kommen sehen und sich entsprechend positioniert.
Doch diese beruhigenden Faktoren kaufen lediglich Zeit; sie lösen nicht das strukturelle Problem einer physischen Knappheit, sollte die Straße von Hormuz längerfristig blockiert bleiben. Der Konsens unter Öl-Analysten – zu denen wir von Zins² uns ausdrücklich nicht zählen – geht davon aus, dass eine Blockade von mehr als zwei Wochen einen Anstieg auf über 100-Dollar mit sich bringen würde.
EZB-Inflationsnarrativ käme bei Brent Crude >100 USD ins Wanken
Solange sich der Ölpreis unter 90 Dollar hält, kann die EZB ihr aktuelles Inflationsnarrativ noch halbwegs glaubwürdig kontrollieren. Steigt der Preis jedoch nachhaltig über 100 Dollar, wandelt sich das Stagflationsrisiko aus Marktsicht in eine Stagflations-Realität. Wir von Zins² bleiben zwar bei unserer Einschätzung, dass auch dann die EZB in einem Umfeld sich abschwächenden Wachstums die Zinsen bis Jahres-ende nicht anheben wird, doch die am Markt eingepreiste Unsicherheit und die damit verbundenen Risikoprämien würden zunehmen. Ein solches Szenario passt nicht zu dem derzeit beobachtbaren Rückgang der Realrenditen. Wenn der Ölpreis steigt, zeigt der Chart dass die Inflationserwartungen folgen und die nominalen Renditen haben Spiel-raum nach oben. Die Refinanzierungs-kosten für Staaten und Unternehmen erhöhen sich. Eine „Stagflationsrealität“ würde voraussichtlich eine Neubewertung von Risiko erfordern, die Rates, Credit als auch Aktienmärkte unter erheblichen Anpassungsdruck setzen dürfte.
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